Die Geschichte des Krippenspiels
in Venegono Inferiore
Die von
ein paar Freunden 1972
getroffene Entscheidung, mit diesem Abenteuer anzufangen, kann besser
verstanden werden, indem man sich einen Überblick
über die
vorhergehenden Jahrzehnte verschafft.
Die 60er Jahre: Politische und soziale
Unruhen in der Welt
Die 60er Jahre in Venegono
Das Pfarrzentrum als Beziehungspunkt
Die Idee der lebenden Krippe
Die Tradition der lebenden Krippe
in Venegono Inferiore
Das erste Live-Weihnachtskrippenspiel
Die
60er Jahre: Politische und soziale Unruhen in der Welt
Die 60er Jahre sind in den
europäischen
Ländern gekennzeichnet vom Wirtschaftswunder als Folge des
Wiederaufbaus aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges.
Auf der sozialen Ebene erschüttert ein Beben die Jugend und
die
Arbeiter, die ihrer Probleme bewusst werden und bedeutende
Protestbewegungen organisieren.
Die Gruppe der Beatles steht für neue Musikvorlieben der
Jugend.
Die Mode der so genannten Hippies breitet sich aus, zusammen mit den
Blumenkindern, die sich hauptsächlich in der amerikanischen
Jugend
zum Symbol der Protestbewegung entwickeln. Die Verwicklung der
Vereinigten Staaten in den blutigen Vietnamkrieg schürt den
Protest gegen die Gräuel eines Konfliktes, der sich jahrelang
hinzieht, ohne das ein Ausweg in Sicht ist.
Im China der zweiten Hälfte der 60er Jahre verbreitet Mao
Tse-Tung
die kulturelle Revolution, die Millionen von Jugendlichen mobilisiert.
In ihrem Kampf lässt sich die Jugend vom berühmten
Roten Buch
der Gedanken von Mao inspirieren, einer Sammlung seiner Zitate, die
sich auch im Westen ausbreiten: Es entsteht eine bemerkenswerte
Sympathie und eine wahrnehmbare Anhängerschaft für
die
Initiative des chinesischen Führers. Bürokraten,
Führungskräfte und mittlere Schicht müssen
laut Mao
zusammen mit den normalen Arbeitern schaffen und Millionen von
Studenten arbeiten auf den Bauernhöfen und bewirken dadurch
eine
Art Gleichheit zwischen den Gesellschaftsklassen.
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DIE
60er JAHRE
Ein Umzug der Heiligen
Drei Könige, in der Via Leopardi
aufgenommen, wird von Don Angelo Borgonovo angeführt
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Im Mai 1968 brechen die Studentenunruhen in den Universitäten
Frankreichs aus; Der Protest breitet sich schnell auch in Italien und
in anderen europäischen Ländern aus. Das ist der
erste Akt
der Studentenbewegung, der sich in den folgenden Jahren fortsetzen
wird.
1968 ist das Jahr in dem Prag und die Tschechoslowakei durch
sowjetische Truppen überfallen werden, um den von Alexander
Dubcek, Führer der moderaten Regierungspartei, eingeleiteten
Befreiungsprozess (der später Prager Frühling genannt
wird)
zu unterdrücken.
Ein Jahr später beginnt in Italien die Zeit der
großen
Arbeiterproteste: Die Arbeiter werden sich ihrer Rolle bewusst und
versuchen in dieser Periode teils auch mittels der Gewerkschaften am
allgemeinem Wohlstand und sozialen Rechten ihren Anteil zu erhalten.
Diese Bewegung gipfelt in dem so genanntem „heissem
Herbst“.
Das Ende der 60er Jahre steht aber auch für den Beginn einer
dunklen Zeit, die von Terrorakten gekennzeichnet ist, die bis heute
noch nicht ganz aufgeklärt sind: Die Bombe auf die Banca
Nazionale
dell'Agricoltura in der Piazza Fontana in Mailand (12. Dezember 1969),
steht für das erste einer langen Serie von Blutbädern.
Die
60er Jahre in Venegono
Diese Unruhen erreichen Vengono
Inferiore etwas
gemildert durch die provinzielle Atmosphäre, die das Dorfleben
immer charakterisiert hat.
Unsere Gemeinde hat die Verwaltungsunabhängigkeit von Venegono
Superiore im Jahre 1960 erhalten und ist dabei, allmählich
seine
politische Ordnungs- und Verwaltungs- Strukturen zu organisieren.
Im Jahr 1960 hat Venegono Inferiore 2.914 Einwohner, aber nur 10 Jahre
später steigt diese Zahl auf 4.082; Diese Ziffer zeigt wie
auch
unser Dorf vom starken Zulauf von arbeitsuchenden Emigranten betroffen
ist, typisch für dieses Jahrzehnt.
Am 12. April 1969 stirbt Don Angelo Borgonovo, der Pfarrer, der unsere
Pfarrgemeinde in den Jahren des zweiten Weltkriegs geführt hat
und
die Zeit der Wiederaufbau geleitet hat.
Die Leitung des Pfarramts übernimmt Don Carlo Lucini: er
findet
Don Terenzio Borra als Bindeglied zu der vorherigen Wirklichkeit vor,
der Koadjutor, der 1965 Don Giuseppe Cazzaniga ersetzt hatte.
Das
Pfarrzentrum als Beziehungspunkt
Während dieser Jahre gilt
unser Pfarrzentrum immer noch als Beziehungspunkt der Jugend von
Venegono. Es ist der einzige Ort, wo sie spielen, diskutieren, sich
amüsieren und sich mit Freunden treffen können.
Nach der Grundschule brauchen die Jugendlichen
nicht so zwangsläufig sofort in die Arbeit zu gehen: obwohl es
den Familien noch zu einem bedeutenden Laster ist, dürfen
einige von ihnen weiter lernen und studieren.
Das Vermögen der Familien von Venegono
ist noch ziemlich begrenzt. Es gibt keine Diskos, nur wenige Leute
können sich Mofas leisten und das Auto sieht für
viele Leute noch wie ein Traum aus; Videogames und Computer
müssen noch erfunden werden. Es gibt eine Art Kino/Theater, wo
sich die jungen Leute ausgewählte Filme anschauen und
Aufführungen und kleine Vorstellungen durchführen
können.
Immer darum bemüht, das zeitbezogene Verlangen nach
Veränderung zu verstehen, bezieht Don Terenzio die Jugend in
verschiedenen Initiativen mit ein. Von Dezember 1965 ab bis Januar 1971
wird im Pfarrzentrum eine Zeitschrift namens „Venegono
Junior“ produziert und verteilt. Die gilt als Fortsetzung der
früheren „Il Batalanino“, die der vorige
Pfarrer Don Giuseppe veröffentlicht hatte. Als Ersatz zu den
bahnbrechenden und abenteuerlichen Ausflügen, die mit
nüchternen Mitteln in den Wäldern in der
Nähe von Venegono stattfanden, werden Fackelprozessionen (z.B.
zum Sacro Monte von Varese zu Pfingsten 1966) und Campingferien in den
Bergen (im Juli 1967 in Chiareggio, in der Provinz von Sondrio)
organisiert.
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TURNFEST
Die Athleten der
„Società Ginnastica Arcobaleno“
treten in Saltrio in den frühen '70 auf
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Es entstehen auch Volleyball- und Basketballmannschaften und die Jugend
Theater-Aktivitäten unter der Leitung von Bruno Maffioli, der
im Dezember 1966 das Stück „Il giovane
Luca“ („Der junge Luca“)
aufführt.
Nach dem Vorbild der ersten Veranstaltung der “Giochi della
Gioventù” (Jugendspiele), wird im September 1970
die “Società Ginnastica Arcobaleno” in
der Jugendfreistätte gegründet, die zusammen mit dem
C.S.I. (Centro Sportivo Italiano) die örtlichen sportlichen
Aktivitäten fördert. Von Gianfranco Pomarolli gedacht
und geführt, bringt diese Sport-Gesellschaft mehrere Leute
zusammen, die zur Entwicklung der lebenden Krippe beitragen.
Don Terenzio vergisst es auch nicht, die Jugend zu sozialen Themen zu
gewinnen: für ein paar Jahre verbringen mehrere Jugendlichen
den Weihnachtstag zusammen mit den Patienten im Altersheim
„Poretti e Magnani“ in Vedano Olona. Besondere
Aufmerksamkeit wird ausserdem missionarischen Initiativen geschenkt:
vom 1968 ab bis 1971 organisiert eine Gruppe der
Jungenfreistätte eine Papier- und Schrottsammlung. Das Geld
aus ihrem Verkauf wird an die Missionare aus Venegono geliefert.
Beziehungspunkt dieser letzten Initiative ist der als “Curt
d'Assisi” bekannte Hof , der sich neben der Pfarrkirche
befand, wo jetzt ein kleiner Park ist (via Don Minzoni).
Die
Idee der lebenden Krippe
Am 8. Juni 1969 trifft Don Carlo
Lucini offiziell in Venegono Inferiore ein. Er kommt aus Lissone, wo er
acht Jahre lang als Beauftragter für die
Mädchen-Gruppe der Pfarrei tätig war.
Er bemerkt sofort die unstimmige Situation der Mädchen im
Dorf: sie haben kein Ort für sie im Pfarrhaus und sie
können ihre Sonntage nur im Kindergarten verbringen. Die
Arbeiten des Kindergartens selbst verschlimmern dann noch ihre Lage.
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CURT
D'ASSISI
Die innere Seite des
bereits baufälligen
Gebäudes, ein Jahr vor dem Abriss
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Aus diesem Grund denken sich Don Carlo Lucini und seine Mitarbeiter
aus, die Zone von “Curt d'Assisi” - wo die
Gebäude baufällig sind – auszunuten und da
eine Jugendfreistätte für Mädchen und ein
Pfarrzentrum aufzubauen. Ihre Nähe an der Kirche und an den
anderen Strukturen der Pfarrei verstärkt diese Idee. Mitte
1970 setzt sich Don Carlo mit dem Marchese Antonio Citterio –
dem Besitzer der Gebäude - in Verbindung, und vereinbart mit
ihm den Verkauf des Gründstücks, der im folgenden
Jahr offiziell stattfindet.
Im „Curt d'Assisi”, wie in allen typischen
Höfen einer Bauerngesellschaft, gibt es eine Ecke für
den Stall. Gerade bei der Beobachtung der Struktur des Stalles, kommt
Don Carlo auf die Idee, dort eine Krippe einzurichten. Diese Intuition
konnte aber nicht nach dem Muster realisiert werden, das sich der
Pfarrer gewünscht hatte: 1972 wurden die Gebäude
herunterzogen. Aber die Idee der Krippe ist aufgetaucht und beginnt bei
vielen Leuten weiter nachgedacht zu werden.
Die
Tradition der lebenden Krippe in Venegono Inferiore
Der Brauch, die lebende Krippe zu
Weihnachten auszuführen, ist seit immer tief in den Einwohnern
von Vengono gewurzelt. Bereits seit den 40 Jahren verbreitete der
Pfarrer don Angelo Borgonovo diese Tradition in den Häusern,
die bis heute anhält, dank des jährlichen Wettbewerbs
der Jugend der Jugendfreizeitstätte,
Zu Weihnachten des Jahres 1936, vermerkt der Koadjutor don Giuseppe
Zanoni (im Vorjahr in Vengono eingetroffen war, um don Edoardo Benetti
zu ersetzen) im Tagebuch unserer Pfarrgemeinde: "Die Segnung der
Häuser wird in vier Tagen allein vom Koadjutor erteilt, wegen
einer schweren gesundheitlichen Anfall des Pfarrers" (don Giovanni
Benetti, der am 29. Juni 1937 stirbt). Don Giuseppe notiert auch: "die
Bevölkerung hat den Vorschlag akzeptiert, die Krippe zu Hause
zu gestalten"; und noch weiter: "Ich habe die Gelegenheit, sehr viele
schöne Krippen zu sehen und deren Künstler zu loben".
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DREIKÖNIGSFEST
1951
Ein Bild der ersten
Ausgabe der
Dreikönigsparade zu Pferd:
von links Giacomo Flavio Peron,
Gianluigi Antognazza, Bruno Maffioli
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Dank don Giuseppe wurde auch das Haus vom Koadjutor neben der
männlichen Jugendfreizeitstätte, damals noch mit Sitz
in der via Monte Santo, gebaut. Am 8. November 1937, einen Tag nach dem
Eintritt des neuen Pfarrers don Angelo Borgonovo, gibt er sein Amt in
Venegono Inferiore ab. Immer vom Tagebuch erfahren wir, dass er das
Dreikönigsfest vom 1951 sieht: "Die Ankunft der
Dreikönige –von verkleideten Jugendlichen der
Jugendfreizeitstätte interpretiert und von jungen Pagen und
Pferden begleitet – die, aus drei Teilen des Dorfes kommend,
am Kindergarten eintreten".
Don Angelo festlegt, dass der Dreikönigstag dem Heilige
Kindheit gewidmet wird. Er organisiert Paraden vom Kindergarten bis zur
Kirche und schlägt das Sammeln von Spenden für arme
Kindern vor.
Das
erste Live-Weihnachtskrippenspiel
Die
Gruppe, die das
erste Live-Weihnachtskrippenspiel 1972 durchführte, bestand
sowohl aus Jugendlichen
als auch aus älteren Leuten: die ersten waren durch die
typischen
Bewusstlosigkeit und Begeisterung ihres Alters charakteriesiert; die
zweiten,
durch di vernünftige Überzeugung, dass diese
Erfahrung jemandem irgendwie nützlich
sein konnte.
Zu Weihnachten 1972 begann das Abenteuer des
Live-Weihnachtskrippenspieles von Venegono Inferiore, und schon damals
konnte man sich kaum ausdenken, was davon heraus gekommen
wäre: im Grossen und Ganzen, mit seinen Schwierigkeiten und
Erfolgen, die in den folgenden Seiten ziu sehen sind, dauert die
Tradition von des Live-Krippenspieles in Venegono Inferiore seit dem
Jahr 1972: ein außenordentliches Beispiel von Langlebigkeit
und Ausdauer! Und das Staunen ist noch bemerkenswerter, wenn man die
Mühe und Auseinandersetzung der Teilnehmer bei der
jährlichen Organisation und Darstellung bedenkt.
Es ist ja interessant,
die Entwicklung des Weihnachtskrippenspiels im Laufen der Jahre zu
analysieren.
Die Krippe sieht eigentlich wie ein Feuer aus, das anfangs ganz klein
mit knisternden
Flammen brennt, dann lässt es sich eine Weile durch die Glut
weiterleben, bis
es wieder zu einem grossen Freudenfeuer wird.
Diese Metapher
gleicht der Struktur dieses Buches, das die Geschichte unserer
Weihnachtkrippe
in drei Abschnitten schildert: bei der ersten Phase sind die Spiele
durch die
Begeisterung und Hingabe der Leute und Teilnehmer gekennzeichnet; bei
der
nächsten, durch den „Untergang“ und die
Unterbrechung der Darstellungen; die
letzte und dritte Phase, durch eine kraftvolle Wiederaufnahme mit
imposanten
Darstellungen.
In 30 Jahren ist
die Krippe von Venegono Inferiore auf nationales Niveau bekannt
geworden. Das
wird durch zahlreiche und wichtige Anerkennungen bestätigt.
Ein Beispiel dafür
ist die Erwähnung der Krippe bei der Sammlung „I
Grandi Manuali“, von Fabbri
Editori im Jahr 1998.
Mit ihren historischen Anmerkungen über die
Modellierung der Holz-Krippen qualifiziert Rosalba Silvestri die Krippe
in
Venegono „...nicht nur als heilige Veranstaltung, sondern
als eine Verteidigung
der historischen, kulturellen Werte des Ortes, von jener menschlichen
Realität,
die in der Vergangenheit und in der Gegenwart noch lebt
“Andere
beruehmte Krippen” setzt sie fort ”sind in
Rivisondoli (AQ),
Custonaci (TP), Venegono Inferiore (VA) Nogara und Bovolone
(VB)”.