Donnerstag
09 September 2010
 

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Die Geschichte des Krippenspiels
in Venegono Inferiore

Die von ein paar Freunden 1972 getroffene Entscheidung, mit diesem Abenteuer anzufangen, kann besser verstanden werden, indem man sich einen Überblick über die vorhergehenden Jahrzehnte verschafft.


Die 60er Jahre: Politische und soziale Unruhen in der Welt
Die 60er Jahre in Venegono
Das Pfarrzentrum als Beziehungspunkt
Die Idee der lebenden Krippe
Die Tradition der lebenden Krippe in Venegono Inferiore
Das erste Live-Weihnachtskrippenspiel


Die 60er Jahre: Politische und soziale Unruhen in der Welt

Die 60er Jahre sind in den europäischen Ländern gekennzeichnet vom Wirtschaftswunder als Folge des Wiederaufbaus aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges.
Auf der sozialen Ebene erschüttert ein Beben die Jugend und die Arbeiter, die ihrer Probleme bewusst werden und bedeutende Protestbewegungen organisieren.
Die Gruppe der Beatles steht für neue Musikvorlieben der Jugend. Die Mode der so genannten Hippies breitet sich aus, zusammen mit den Blumenkindern, die sich hauptsächlich in der amerikanischen Jugend zum Symbol der Protestbewegung entwickeln. Die Verwicklung der Vereinigten Staaten in den blutigen Vietnamkrieg schürt den Protest gegen die Gräuel eines Konfliktes, der sich jahrelang hinzieht, ohne das ein Ausweg in Sicht ist.
Im China der zweiten Hälfte der 60er Jahre verbreitet Mao Tse-Tung die kulturelle Revolution, die Millionen von Jugendlichen mobilisiert. In ihrem Kampf lässt sich die Jugend vom berühmten Roten Buch der Gedanken von Mao inspirieren, einer Sammlung seiner Zitate, die sich auch im Westen ausbreiten: Es entsteht eine bemerkenswerte Sympathie und eine wahrnehmbare Anhängerschaft für die Initiative des chinesischen Führers. Bürokraten, Führungskräfte und mittlere Schicht müssen laut Mao zusammen mit den normalen Arbeitern schaffen und Millionen von Studenten arbeiten auf den Bauernhöfen und bewirken dadurch eine Art Gleichheit zwischen den Gesellschaftsklassen.

DIE 60er JAHRE
Ein Umzug der Heiligen Drei Könige, in der Via Leopardi aufgenommen, wird von Don Angelo Borgonovo angeführt

Im Mai 1968 brechen die Studentenunruhen in den Universitäten Frankreichs aus; Der Protest breitet sich schnell auch in Italien und in anderen europäischen Ländern aus. Das ist der erste Akt der Studentenbewegung, der sich in den folgenden Jahren fortsetzen wird.
1968 ist das Jahr in dem Prag und die Tschechoslowakei durch sowjetische Truppen überfallen werden, um den von Alexander Dubcek, Führer der moderaten Regierungspartei, eingeleiteten Befreiungsprozess (der später Prager Frühling genannt wird) zu unterdrücken.
Ein Jahr später beginnt in Italien die Zeit der großen Arbeiterproteste: Die Arbeiter werden sich ihrer Rolle bewusst und versuchen in dieser Periode teils auch mittels der Gewerkschaften am allgemeinem Wohlstand und sozialen Rechten ihren Anteil zu erhalten. Diese Bewegung gipfelt in dem so genanntem „heissem Herbst“.
Das Ende der 60er Jahre steht aber auch für den Beginn einer dunklen Zeit, die von Terrorakten gekennzeichnet ist, die bis heute noch nicht ganz aufgeklärt sind: Die Bombe auf die Banca Nazionale dell'Agricoltura in der Piazza Fontana in Mailand (12. Dezember 1969), steht für das erste einer langen Serie von Blutbädern.


Die 60er Jahre in Venegono

Diese Unruhen erreichen Vengono Inferiore etwas gemildert durch die provinzielle Atmosphäre, die das Dorfleben immer charakterisiert hat.
Unsere Gemeinde hat die Verwaltungsunabhängigkeit von Venegono Superiore im Jahre 1960 erhalten und ist dabei, allmählich seine politische Ordnungs- und Verwaltungs- Strukturen zu organisieren.
Im Jahr 1960 hat Venegono Inferiore 2.914 Einwohner, aber nur 10 Jahre später steigt diese Zahl auf 4.082; Diese Ziffer zeigt wie auch unser Dorf vom starken Zulauf von arbeitsuchenden Emigranten betroffen ist, typisch für dieses Jahrzehnt.
Am 12. April 1969 stirbt Don Angelo Borgonovo, der Pfarrer, der unsere Pfarrgemeinde in den Jahren des zweiten Weltkriegs geführt hat und die Zeit der Wiederaufbau geleitet hat.
Die Leitung des Pfarramts übernimmt Don Carlo Lucini: er findet Don Terenzio Borra als Bindeglied zu der vorherigen Wirklichkeit vor, der Koadjutor, der 1965 Don Giuseppe Cazzaniga ersetzt hatte.


Das Pfarrzentrum als Beziehungspunkt

Während dieser Jahre gilt unser Pfarrzentrum immer noch als Beziehungspunkt der Jugend von Venegono. Es ist der einzige Ort, wo sie spielen, diskutieren, sich amüsieren und sich mit Freunden treffen können.
Nach der Grundschule brauchen die Jugendlichen nicht so zwangsläufig sofort in die Arbeit zu gehen: obwohl es den Familien noch zu einem bedeutenden Laster ist, dürfen einige von ihnen weiter lernen und studieren.
Das Vermögen der Familien von Venegono ist noch ziemlich begrenzt. Es gibt keine Diskos, nur wenige Leute können sich Mofas leisten und das Auto sieht für viele Leute noch wie ein Traum aus; Videogames und Computer müssen noch erfunden werden. Es gibt eine Art Kino/Theater, wo sich die jungen Leute ausgewählte Filme anschauen und Aufführungen und kleine Vorstellungen durchführen können.
Immer darum bemüht, das zeitbezogene Verlangen nach Veränderung zu verstehen, bezieht Don Terenzio die Jugend in verschiedenen Initiativen mit ein. Von Dezember 1965 ab bis Januar 1971 wird im Pfarrzentrum eine Zeitschrift namens „Venegono Junior“ produziert und verteilt. Die gilt als Fortsetzung der früheren „Il Batalanino“, die der vorige Pfarrer Don Giuseppe veröffentlicht hatte. Als Ersatz zu den bahnbrechenden und abenteuerlichen Ausflügen, die mit nüchternen Mitteln in den Wäldern in der Nähe von Venegono stattfanden, werden Fackelprozessionen (z.B. zum Sacro Monte von Varese zu Pfingsten 1966) und Campingferien in den Bergen (im Juli 1967 in Chiareggio, in der Provinz von Sondrio) organisiert.

TURNFEST
Die Athleten der „Società Ginnastica Arcobaleno“
treten in Saltrio in den frühen '70 auf

Es entstehen auch Volleyball- und Basketballmannschaften und die Jugend Theater-Aktivitäten unter der Leitung von Bruno Maffioli, der im Dezember 1966 das Stück „Il giovane Luca“ („Der junge Luca“) aufführt.
Nach dem Vorbild der ersten Veranstaltung der “Giochi della Gioventù” (Jugendspiele), wird im September 1970 die “Società Ginnastica Arcobaleno” in der Jugendfreistätte gegründet, die zusammen mit dem C.S.I. (Centro Sportivo Italiano) die örtlichen sportlichen Aktivitäten fördert. Von Gianfranco Pomarolli gedacht und geführt, bringt diese Sport-Gesellschaft mehrere Leute zusammen, die zur Entwicklung der lebenden Krippe beitragen.
Don Terenzio vergisst es auch nicht, die Jugend zu sozialen Themen zu gewinnen: für ein paar Jahre verbringen mehrere Jugendlichen den Weihnachtstag zusammen mit den Patienten im Altersheim „Poretti e Magnani“ in Vedano Olona. Besondere Aufmerksamkeit wird ausserdem missionarischen Initiativen geschenkt: vom 1968 ab bis 1971 organisiert eine Gruppe der Jungenfreistätte eine Papier- und Schrottsammlung. Das Geld aus ihrem Verkauf wird an die Missionare aus Venegono geliefert. Beziehungspunkt dieser letzten Initiative ist der als “Curt d'Assisi” bekannte Hof , der sich neben der Pfarrkirche befand, wo jetzt ein kleiner Park ist (via Don Minzoni).
 


Die Idee der lebenden Krippe

Am 8. Juni 1969 trifft Don Carlo Lucini offiziell in Venegono Inferiore ein. Er kommt aus Lissone, wo er acht Jahre lang als Beauftragter für die Mädchen-Gruppe der Pfarrei tätig war.
Er bemerkt sofort die unstimmige Situation der Mädchen im Dorf: sie haben kein Ort für sie im Pfarrhaus und sie können ihre Sonntage nur im Kindergarten verbringen. Die Arbeiten des Kindergartens selbst verschlimmern dann noch ihre Lage.

CURT D'ASSISI
Die innere Seite des bereits baufälligen
Gebäudes, ein Jahr vor dem Abriss

Aus diesem Grund denken sich Don Carlo Lucini und seine Mitarbeiter aus, die Zone von “Curt d'Assisi” - wo die Gebäude baufällig sind – auszunuten und da eine Jugendfreistätte für Mädchen und ein Pfarrzentrum aufzubauen. Ihre Nähe an der Kirche und an den anderen Strukturen der Pfarrei verstärkt diese Idee. Mitte 1970 setzt sich Don Carlo mit dem Marchese Antonio Citterio – dem Besitzer der Gebäude - in Verbindung, und vereinbart mit ihm den Verkauf des Gründstücks, der im folgenden Jahr offiziell stattfindet.
Im „Curt d'Assisi”, wie in allen typischen Höfen einer Bauerngesellschaft, gibt es eine Ecke für den Stall. Gerade bei der Beobachtung der Struktur des Stalles, kommt Don Carlo auf die Idee, dort eine Krippe einzurichten. Diese Intuition konnte aber nicht nach dem Muster realisiert werden, das sich der Pfarrer gewünscht hatte: 1972 wurden die Gebäude herunterzogen. Aber die Idee der Krippe ist aufgetaucht und beginnt bei vielen Leuten weiter nachgedacht zu werden.


Die Tradition der lebenden Krippe in Venegono Inferiore

Der Brauch, die lebende Krippe zu Weihnachten auszuführen, ist seit immer tief in den Einwohnern von Vengono gewurzelt. Bereits seit den 40 Jahren verbreitete der Pfarrer don Angelo Borgonovo diese Tradition in den Häusern, die bis heute anhält, dank des jährlichen Wettbewerbs der Jugend der Jugendfreizeitstätte,
Zu Weihnachten des Jahres 1936, vermerkt der Koadjutor don Giuseppe Zanoni (im Vorjahr in Vengono eingetroffen war, um don Edoardo Benetti zu ersetzen) im Tagebuch unserer Pfarrgemeinde: "Die Segnung der Häuser wird in vier Tagen allein vom Koadjutor erteilt, wegen einer schweren gesundheitlichen Anfall des Pfarrers" (don Giovanni Benetti, der am 29. Juni 1937 stirbt). Don Giuseppe notiert auch: "die Bevölkerung hat den Vorschlag akzeptiert, die Krippe zu Hause zu gestalten"; und noch weiter: "Ich habe die Gelegenheit, sehr viele schöne Krippen zu sehen und deren Künstler zu loben".

DREIKÖNIGSFEST 1951
Ein Bild der ersten Ausgabe der
Dreikönigsparade zu Pferd:
von links Giacomo Flavio Peron,
Gianluigi Antognazza, Bruno Maffioli

Dank don Giuseppe wurde auch das Haus vom Koadjutor neben der männlichen Jugendfreizeitstätte, damals noch mit Sitz in der via Monte Santo, gebaut. Am 8. November 1937, einen Tag nach dem Eintritt des neuen Pfarrers don Angelo Borgonovo, gibt er sein Amt in Venegono Inferiore ab. Immer vom Tagebuch erfahren wir, dass er das Dreikönigsfest vom 1951 sieht: "Die Ankunft der Dreikönige –von verkleideten Jugendlichen der Jugendfreizeitstätte interpretiert und von jungen Pagen und Pferden begleitet – die, aus drei Teilen des Dorfes kommend, am Kindergarten eintreten".
Don Angelo festlegt, dass der Dreikönigstag dem Heilige Kindheit gewidmet wird. Er organisiert Paraden vom Kindergarten bis zur Kirche und schlägt das Sammeln von Spenden für arme Kindern vor.


Das erste Live-Weihnachtskrippenspiel

Die Gruppe, die das erste Live-Weihnachtskrippenspiel 1972 durchführte, bestand sowohl aus Jugendlichen als auch aus älteren Leuten: die ersten waren durch die typischen Bewusstlosigkeit und Begeisterung ihres Alters charakteriesiert; die zweiten, durch di vernünftige Überzeugung, dass diese Erfahrung jemandem irgendwie nützlich sein konnte.
Zu Weihnachten 1972 begann das Abenteuer des Live-Weihnachtskrippenspieles von Venegono Inferiore, und schon damals konnte man sich kaum ausdenken, was davon heraus gekommen wäre: im Grossen und Ganzen, mit seinen Schwierigkeiten und Erfolgen, die in den folgenden Seiten ziu sehen sind, dauert die Tradition von des Live-Krippenspieles in Venegono Inferiore seit dem Jahr 1972: ein außenordentliches Beispiel von Langlebigkeit und Ausdauer! Und das Staunen ist noch bemerkenswerter, wenn man die Mühe und Auseinandersetzung der Teilnehmer bei der jährlichen Organisation und Darstellung bedenkt.
Es ist ja interessant, die Entwicklung des Weihnachtskrippenspiels im Laufen der Jahre zu analysieren. Die Krippe sieht eigentlich wie ein Feuer aus, das anfangs ganz klein mit knisternden Flammen brennt, dann lässt es sich eine Weile durch die Glut weiterleben, bis es wieder zu einem grossen Freudenfeuer wird.
Diese Metapher gleicht der Struktur dieses Buches, das die Geschichte unserer Weihnachtkrippe in drei Abschnitten schildert: bei der ersten Phase sind die Spiele durch die Begeisterung und Hingabe der Leute und Teilnehmer gekennzeichnet; bei der nächsten, durch den „Untergang“ und die Unterbrechung der Darstellungen; die letzte und dritte Phase, durch eine kraftvolle Wiederaufnahme mit imposanten Darstellungen.
In 30 Jahren ist die Krippe von Venegono Inferiore auf nationales Niveau bekannt geworden. Das wird durch zahlreiche und wichtige Anerkennungen bestätigt.
Ein Beispiel dafür ist die Erwähnung der Krippe bei der Sammlung „I Grandi Manuali“, von Fabbri Editori im Jahr 1998.
Mit ihren historischen Anmerkungen über die Modellierung der Holz-Krippen qualifiziert Rosalba Silvestri die Krippe in Venegono „...nicht nur als heilige Veranstaltung, sondern als eine Verteidigung der historischen, kulturellen Werte des Ortes, von jener menschlichen Realität, die in der Vergangenheit und in der Gegenwart noch lebt “Andere beruehmte Krippen” setzt sie fort ”sind in Rivisondoli (AQ), Custonaci (TP), Venegono Inferiore (VA) Nogara und Bovolone (VB)”.


 

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